Michele. Roman

 

Vor 500 Jahren gab Michelangelo der Menschheit mit seinen Werken ein großes Rätsel auf. Über dieses wird in seinen Memoiren berichtet, die sein Schüler Condivi nach dem Diktat des Meisters niederschrieb. Die Autorin bietet dem Leser mit „Michele“ ihre Version der Enträtselung an.

Der spannende Abenteuerroman mit Kern in Florenz spielt zu den Zeiten Michelangelos, im 15. Jahrhundert. Das Blut wird auf den Straßen Italiens vergossen und hinter den mächtigen Mauern des Vatikans finden schaurige Intrigen statt.

Diese Geschehnisse werden fließend mit der heutigen Gegenwart verwoben: ein russischer Geschäftsmann verfällt einer leidenschaftlichen Liebe, es offenbart sich das mysteriöse Leben einer reichen sizilianischen Familie und der Leser wird zu ungewöhnlichen Geheimnissen der Insel Sri Lanka entführt.

Das mehrschichtige Werk ist eine Fortsetzung des Romans „Museum des Gewissens“. Protagonist ist Sasha Glebow, der Sohn des berühmten Malers, der sein Leben in Europa und Sri Lanka verbringt. Gemeinsam mit der Tochter eines sizilianischen Paten versucht er, das Rätsel des großen Michelangelo zu entwirren …

Prolog         

„Damit sich der ehrbare Name des Michelangelo Buonarroti nach seinem Tode nicht verflüchtigt, habe ich dich zu meinem Biographen ernannt. Du notierst nur die Fakten, die ich dir diktiere, und man wird sie schwerlich widerlegen können. Es werden diese Fakten sein, die künftigen Generationen die Wahrheit über mein Leben berichten. Meine Wahrheit …

So habe ich entschieden.

So wird es sein.

Vielleicht wirst du überrascht sein, wenn ich dir erzähle, dass ich mein ganzes Leben lang Auseinandersetzungen mit dem Schöpfer geführt habe.

Ich bat ihn, die menschliche Güte stets umgehend zu belohnen.

Ich verlangte von ihm die sofortige Vergeltung für das begangene Böse.

Dem Herrn folgend, habe ich versucht, ein Himmelreich auf Erden zu errichten.

In jedes meiner Werke legte ich großes Vertrauen in die Schönheit des irdischen Himmelreichs. Immer habe ich versucht, mehr zu geben als zu nehmen. Jeder, der mich gut kennt, kann dies bestätigen.“

Michelangelo schüttelt seinen grauen Kopf und spricht:

„Ich werde der Menschheit ein Geheimnis hinterlassen.

Ich habe etwas geschaffen, das man nicht in die Hand nehmen kann.

Man kann es sich nicht auf die Zunge legen.

Es nicht anziehen.

Es weder schlagen noch zerstören.

Ich habe für alle Menschen der Welt eine Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens geformt.

An die Zerbrechlichkeit der Schönheit.

An ihre Harmonie.

An den Abgrund der Ewigkeit, zu der wir nach dem Tod gelangen.

An die Tatsache, dass Gott uns alle erschaffen hat, bis zum letzten Menschen, damit wir glücklich werden.

Für die Liebe und für die Anbetung der Schönheit.

Jede Schöpfung Gottes, in welchem Land auch immer er sein mag, wen auch immer eine Religion verehrt, sollte an das erinnern, was auch meine Schöpfung zeigen will:

Der liebe Gott schenkt dem Menschen den kurzen Moment, den sein Leben währt, für das Gute, nicht für das Böse.

Damit er die Vollkommenheit der Natur genieße, nicht die schlechten Taten.

Für die Liebe, nicht für den Hass, die Lüge oder den Neid.“

 

„Was ist es, was du geschaffen hast, Meister, was?“ Ascanio Condivi hat vor Aufregung seine Stimme verloren und kann das letzte Wort nur noch flüstern.

„Du bist so jung“, lächelt Michelangelo traurig, „aber auch bis zum Ende deines Lebens wirst du mein Rätsel nicht lösen können. Mein genialer Geist hat es für die nächsten Jahrhunderte geschaffen.

Die Welt muss erst zu meiner Weisheit reifen.

Sich beruhigen.

Die Kriege ruhen lassen.

Sich mit der Harmonie des Lebens füllen.

Der Liebe.

Des Guten.

Die Liebe bewegt die Sonn’ und andre Sterne …‘ *

Mein Rätsel wird sich ganz von selbst offenbaren.

Und dann sofort eine Lösung anbieten.

Um zur Einsicht zu gelangen, gebe ich der Menschheit einen Zeitraum von eintausend Jahren.

Wenn sie sich nicht retten kann, wird niemand sie retten.

Denke daran, mein Junge: es gibt keinen Tod.

Es gibt nur ein unehrliches Leben, das um ein Vielfaches schlimmer ist als der Tod.

Es führt zu den Toren der Hölle, aus der es kein Entkommen gibt.

Es führt zur ewigen Qual ...“

Michelangelo schweigt lange und fügt dann hinzu:

„O ihr mit dem besitz gesunder sinne

Gebt acht auf die belehrung die sich decke

Unter dem sonderbaren vers-gespinne!!“**

 

*Dante Alighieri, „Göttliche Komödie“. Das Paradies, Gesang 33/145, nach Übertragung von Stefan George, 1932

**Dante Alighieri „Göttliche Komödie“. Die Hölle, Gesang 9/21, nach Übertragung von Stefan George, 1932